Bonner Staatsanwaltschaft ist spät dran
Manche Dinge dauern offensichtlich etwas länger. Seit über vier Jahren ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft jetzt schon gegen Ex-Vorstände und Aufsichtsräte der Deutschen Telekom wegen des Verdachts auf Kapitalbetrug und fehlerhafte Bilanzierung. Nachdem die Beamten einige Verfahrensteile bereits eingestellt haben, geht es jetzt um die entscheidende Frage, ob die Telekom ihre Immobilien in der Eröffnungsbilanz von 1995 bewusst zu hoch bewertet hat. Über 20000 Privatanleger, die beim dritten Börsengang des ehemaligen Staatsunternehmens dabei waren, und entweder geklagt oder ein Schlichtungsverfahren eingeleitet haben, hoffen auf diese Ermittlungen. Nicht zu unrecht. Der Verdacht der Falschbewertung liegt zumindest nahe. Hatte doch eine 1995 durchgeführte Neubewertung das Immobilienvermögen der Telekom von 22,9 Milliarden Euro auf 35,7 Milliarden Euro anschwellen lassen. Im Jahr 2000 nahm das Unternehmen eine Korrektur nach unten vor. Die Immobilien waren auf einmal 2,8 Milliarden Euro weniger wert.
Eigentlich sollte man annehmen, dass die Bonner Behörde bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, um den Verdacht der Falschbilanzierung zu erhärten. Offenbar ist dies aber nicht geschehen. Wie ist es sonst zu erklären, dass die Beamten erst jetzt, vier Jahre nach Beginn der Ermittlungen, auf die Idee kommen, ein Gutachten zur unabhängigen Überprüfung der damaligen Bewertung in Auftrag zu geben. Eine nahezu unlösbare Aufgaben, schließlich geht es darum, zu prüfen, ob die Bewertung im Jahr 1995 korrekt war.
Der Alternativplan der Bonner Staatsanwälte klingt allerdings noch abenteuerlicher. Laut der Zeitschrift „Spiegel“, soll statt des Mammutgutachtens ein Fonds über 20 Millionen Euro aufgelegt werden, der den geschädigten Aktionären zugute kommen soll. Bei der Telekom ist von diesen Plänen nichts bekannt.
Ulrich Hocker

